[Men working on telephone lines, probably near a TVA dam hydroelectric plant] (LOC)photo © 1939 The Library of Congress | more info (via: Wylio)

Spiegel Online: Telekom-Chef stellt Netzneutralität in Frage
Telekom-Chef René Obermann behält sich vor, künftig mehr Geld von Anbietern datenintensiver Internet-Dienste zu fordern. Das aber verstößt gegen das Prinzip der Netzneutralität – zu dem sich Berlin immer wieder bekannt hat.
Heise: Telekom will Diensteanbieter zur Kasse bitten
Obermann verband damit “neue Geschäftsmodelle für das mobile Internet”.
Angebote die sehr bandbreitenlastig sind (immer diese Floskeln, früher waren 2 Mbit/s Backboneleitungen) sind nicht mit dem Geschäftsmodell der grossen Carrier wie AT&T, Verizon, Sprint, Telekom, Telecom Italia, Telefonica, BT (British Telecom) und wie sie nicht alle heissen (die ehemaligen Telefongiganten) vereinbar.
Carrier (deutsch: Große Netzbetreiber i.d.R. auch Anbieter für Zugangsleistungen zum Internet zu für kleinere Internet Service Provider)
haben mit Ihren aus der Telefoniezeit geerbten Geschäftsmodellen ein Problem.

Beim kassieren für die Telefonie gibt es diverse Einahmequellen. Unter anderem sind das Grundpreis, zeitabhängige Gebühren, Weiterleitungsgebühren und Terminierungsgebühren. Da gibt es noch weitere Gebühren für
Dienstleistungen die der gewöhnliche Endkunde nicht versteht, der Regulierer aber vorsieht.

Es ist in der Telefonwelt für eine Telekom unerheblich ob das Gespräch von einem ihrer Kunden, zu einem ihrer Kunden oder durch ihr Netz ins Ausland vermittelt wird, sie kann, jedesmal in unterschiedlicher Höhe, Geld verdienen.
Auch wenn Anbieter kostenpflichtige Dienstleistungen per Telefon bereitstellen (Telefonauskunft, Zeitansage, Wetterbericht, Beratungen, Stöhnhotlines gelangweilter Hausfrauen, etc.) jedesmal verdient der Telefonanbieter an der Weiterleitung, dem herstellen oder dem terminieren der Verbindung.

Bei jeder Verbindung gibt es einen A-Teilnehmer und einen B-Teilnehmer. Dazwischen eine bis mehrere Telefongesellschaften die dazu beitragen das die Verbindung zustande kommt.

Notwendige Kapazitäten für Telefoniekanäle sowie deren Sicherstellung und Erweiterung lassen sich über die immer reinkommenden Gebühren refinanzieren. Auch bei fallenden Umsätzen funktioniert das für die Telekom und die anderen ehemaligen Telefongiganten und teilweise Monopolisten sehr gut. Wenn auch die Umsätze kleiner werden.

Was selten bekannt ist: in der Telefonie gibt es die Netzneutralität nicht. Man kann, besonders im internationalen Telefonieverkehr, unterschiedliche Qualitäten einkaufen. Für Telefonleitungen gibt es verschiedene Güteklassen zu verschiedenen Preisen.
Je nachdem welchen Telefonanbieter man nutzt um eine und die selbe Zielnummer zu erreichen, kann die Qualität zwischen 2 Blechbüchsen mit Bindfaden bis zur UKW-Stereoradio Qualität variieren.

Die Preise für die Verbindung sind ausserdem abhängig wieviele Wettbewerber die gleiche Verbindung herstellen können.
Es gibt nicht soviel Auswahl für z.B. Gespräche zu Mobiltelefonen auf Guam oder Festnetzanschlüssen auf den Salomonen.

Mit den Internetzugängen und den über (nicht im Internet, ich denke halt im OSI-Schichtmodell) das Internet angebotenen Dienstleistungen funktioniert das Geschäftsmodell der Telefonie aber nicht mehr.

Da gibt es für die Ex-Monopolisten nur begrenzte Einnahmequellen.
Da wäre der Internetanschluss des Endkunden und ggfs. Transitleistungen (Datenaustausch zu allen möglichen Zielen im Internet) kleinerer ISP.

Verbindungen zu anderen Carriern und größeren ISP die keine eigenen Kunden sind werden, unter bestimmten Voraussetzungen (Hier am Beispiel von Ma Bell AT&T: man ist ja schließlich Platzhirsch und muss/will verkaufen), kostenneutral realisiert (jeder zahlt seine eigene Technik und Leitungskosten, oder Gebühren zum Anschluss an so genannten Peeringpoints wie z.B. den DE-CIX. Gerne werden auch die Leitungskosten für nicht per Peeringpoints realisierten Zusammenschaltungen (so genannte Private Peerings – weil keine öffentliche Austauschinfrastruktur wie am z.B. DE-CIX genutzt wird) abwechselnd von den beiden Firmen übernommen. So bleibt das Internetverkehr austauschen kostenneutral, aber die Abteilungen die solche Übertragungswege verkaufen machen Umsatz und Umsatz ist in den Büchern gerne gesehen.

Das aus den “eine Hand wäscht die andere Hand”-Zeiten stammende Geschäftsmodell welches unter Universitäten praktiziert wurde und so groß gewordenen ist versagt hier allerdings. Denn die Pakete die über diese Verbindungen transportiert werden erzeugen keinen Umsatz oder gar Gewinn. Ob über die Leitung konstant 100Mbit/s oder 1000Mbit/s in beide Richtungen übertragen werden ist egal (Naja, nicht total egal in meinem Beruf als Techniker der u.a. solche Dinge plant und dimensioniert).
Es fehlt den Anbietern aufgrund der gewachsenen Strukturen und Gepflogenheiten aus der Gründerzeit des öffentlichen Internets (getrieben von Forschungseinrichtungen wie z.B. Universitäten) der Hebel für transportierte Daten Geld zu verlangen wenn sie mit auf Augenhöhe agierenden Konkurenten Daten austauschen. Es war seit jeher egal von wo und wohin ein IP-Paket kommt oder geht, der Router leitet das Paket nur an den nächsten Router weiter bis es am Zielrechner ankommt.

Die Weiterentwicklung in Sachen Netzwerktechnik erlaubt nun mittlerweile aber das weiterleiten nach diversen Kriterien zu beeinflussen.
Diese Mittel und Wege (QoS z.B. via MPLS zu realisieren) stehen zur Verfügung und werden auch schon genutzt.
Um die eigene Infrastruktur zu schützen vor bösem Datenverkehr (vgl. DoS), oder um im eigenen Netz z.B. den Voice over IP Traffic (VoIP) zwischen Kunden und der eigenen VoIP Technik zu priorisieren (schneller weiterzuleiten als nicht so zeitkritische Pakete), Kunden können Dienste einkaufen die Priorisierung von z.B. Paketen zu den Warenwirtschaftssystemen bevorzugen und das Surfen der Mitarbeiter einschränken/unterbinden o.ä. damit anstellen. Technisch ist der Vorstellungskraft nahezu kein Ende gesetzt. (Wenn der Schäuble/de Maizière wüsste WAS man alles machen kann … uiuiui)

Mit seltenen Ausnahmen in den USA (Comcast Throttles BitTorrent Traffic) werden aber keine IP-Pakete absichtlich verworfen oder künstlich schlecht gemacht.

Die steigenden Bandbreiten die genutzt werden sind das Dilemma mit einem Multiplikator aus der Goldgräberzeit des Internet.

Den Ausgaben für Investitionen zur Erhaltung der Stabilität und die zur Verfügungstellung ausreichender Bandbreite an den Übergabepunkten und am Rand des Netzwerks in Richtung der Kunden stehen sinkende Einahmen für den Weiterverkauf der Bandbreite an kleinere ISPs und größeren Firmen entgegen.
Kunden die bei den ehemaligen Monopolisten so genannten Transit einkaufen können dieses auch bei anderen Firmen, die keine ehemaligen Telefongiganten sind und anders kalkulieren können, einkaufen zu sehr günstigen Preisen.

Möchte man allerdings sinkende Preise bei gleichbleibenden Parametern kommt man irgendwann an die Grenze in der ein Angebot an den Kunden nicht mehr sinnvoll ist da man seine Investitionen nicht wieder hereinbekommt oder es zu lange dauern würde.

Das ist also das Dilemma in denen Telekom und Co stecken. Sie haben verpennt Ihre Pfründe zu sichern und können dies jetzt nur durch harte Entwöhnung und schaffen von Fakten erreichen.

Versteht mich bitte nicht falsch, ich lehne die Idee nicht per se ab. Schließlich möchte ich selber auch noch in Zukunft einen Arbeitsplatz haben.
Allerdings bin ich auch selber Kunde bei einem Internet Service Anbieter (grade eben nicht bei der Telekom ;).
Ich mag es das meine Daten durch die Gegend huschen und ich am Ende des Monat einen festen Betrag zahle mit dem diese Leistung abgegolten ist.
Aus eben diesen Gründen (Hallo Interessenkonflikt :) kann ich selber nicht so wie ich privat oder Beruflich wollte.

Aber das Dummdreiste Geschwätz eines Rene Obermann der mir, als potentieller Kunde, alten Wein in neuen Schläuchen und ein X als U verkaufen will kann ich nicht akzeptieren. Wäre ja noch schöner wenn einer auf dieses Märchen vom neuen Geschäftsmodell reinfallen würde.

Dummdreistes Marketing ist das, nicht mehr, nicht weniger.